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Deutsch-französische Geschichte

Das Lager Gurs: auch ein saarländischer Erinnerungsort

Das Lager Gurs am Rand der Pyrenäen entstand im April 1939 als Auffanglager für nach dem Ende des spanischen Bürgerkriegs nach Frankreich geflohene Angehörige der Republikanischen Armee. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Frankreich im Mai 1940 war es Internierungslager für sogenannte „feindliche Ausländer“. Dazu zählten vor dem Waffenstillstandsabkommen im Juni 1940 alle in Frankreich lebenden Deutschen. Im Oktober 1940 wurden 6.500 Jüdinnen und Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland nach Gurs verschleppt. 1942 und 1943 war es Sammel- und Durchgangslager für in der zuvor unbesetzten Zone Frankreichs verhafteten Jüdinnen und Juden, die von dort in die Vernichtungslager Auschwitz und Sobibor verschleppt wurden. Insgesamt waren rund 61.000 Menschen zwischen 1939 und 1945 auf 24 Hektar Fläche in 382 Holzbaracken eingepfercht. 1.200 Menschen ließen dort ihr Leben.

Die 134 meist älteren Menschen, die am 22. Oktober 1940 aus dem Saarland deportiert wurden, waren Opfer der sogenannten „Wagner-Bürckel-Aktion“. Sie ist benannt nach Josef Bürckel, dem Gauleiter Saarpfalz, und Robert Wagner, dem Gauleiter von Baden. Ihr Ziel war es, die dort verbliebenen Jüdinnen und Juden zu vertreiben und über die Grenze nach Frankreich abzuschieben. Die jüngste Deportierte aus dem Saarland war die zweijährige Mathel Salmon aus Homburg, der älteste Deportierte der 88-jährige Josef Kahn aus Brotdorf. Von den 134 Deportierten starben 30 Menschen in Gurs oder in Nachbarlagern. 78 Menschen wurden in Auschwitz ermordet, wohin sie im August 1942 verbracht wurden. 30 Menschen überlebten.

 

Kinder und Jugendliche im Lager Gurs: gerettet durch Hilfsorganisationen

Das Alter der Internierten im Lager Gurs und im für Familien eröffneten Lager Rivesaltes war ein über Leben und Tod entscheidender Faktor. Die jüdischen und christlichen Hilfsorganisationen kümmerten sich um die insgesamt 6.000 Kinder und Jugendlichen. Sie brachten sie im Laufe des Jahres 1941 aus den Lagern in die von ihnen in der unbesetzten Zone Frankreichs eröffneten Kinderheime in Aspet, Allier oder Foix. Als auch in den Heimen vermehrt Razzien durchgeführt wurden, erhielten die Kinder falsche Papiere und wurden bei Bauern versteckt. Seit Mitte 1941 wurden die Kinder in die USA zu Gastfamilien gebracht oder konnten nach Palästina emigrieren.

 

Familien in Gurs: gerettet durch Geld und Kontakte

Um die Zahl der Internierten in der unbesetzten Zone Frankreichs zu verringern, förderte die Vichy-Regierung zwischen Herbst 1940 und Mai 1942 die Auswanderung nach Übersee. Eine Statistik der Generaldirektion der Polizei von September 1942 besagt, dass zwischen Juli 1941 und Mai 1942 im Schnitt 500 jüdische Ausländer*innen nach Übersee emigrierten. Wer in die USA wollte, brauchte Geld und eine Familie in Übersee. Zwei Affidavits (Garantierklärungen) waren notwendig. Dafür musste sich ein US-Bürger – meist ein bereits vor Jahren emigrierter Familienangehöriger - verpflichten, für die Emigrant*innen finanziell aufzukommen, und er musste deren moralische Unbescholtenheit garantieren.

 

Alte Menschen in Gurs: sich selbst und dem Tod überlassen 

Für die älteren Menschen war das Lager Gurs eine Falle. Sie wurden am 22. Oktober aus ihrem Leben gerissen und fanden sich nach wenigen Tagen in Holzbaracken mit einer Fensterluke auf Sumpfgelände in den Vorpyrenäen wieder. 26 Menschen aus dem Saarland gingen an Hunger und Kälte zugrunde. Im November und Dezember 1940 starben 468 Menschen. Nach einigen Monaten in Gurs wurde viele der ältere Menschen in die Krankenhaus-Lager Noé und nach Récébédou nahe der Stadt Toulouse verlegt. Zwar wurden ältere Internierte im Jahr 1941 aus dem Lager beurlaubt. Doch die Chance auf Rettung war gering - ohne Geld oder Familienangehörige, die in Frankreich oder Übersee lebten. 78 der Internierten aus dem Saarland wurden gleich bei den ersten Deportationen am 6. und 8. August 1942, die als „Abreise mit unbekanntem Ziel“ bezeichnet wurde, nach Auschwitz verschleppt und ermordet.

 

Die Internetseite gurs.saarland und die Datenbank der im Lager Gurs internierten Saarländer*innen und die Ausstellung „Gurs 1940“

Die Seite gurs.saarland informiert über die Geschichte des Lagers. Sie zeigt an auswählten Biographien die Situation zwischen Überleben und Sterben, Emigration und Deportation im Lager Gurs.

Die Ausstellung „Gurs 1940“ wurde von der Gedenk- und Bildungsstätte „Haus der Wannsee-Konferenz“ aus Anlass der 80.ten Wiederkehrs der Deportation von rund 6.500 Jüdinnen und Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland aus Anlass der sogenannten „Wagner-Bürckel-Aktion“ am 22. Oktober 1940. Die Ausstellung zeigt auf 29 Tafeln, wie die Jüdinnen und Juden vertrieben wurden, wie die örtliche Bevölkerung sich verhielt, was die Deportierten in Südfrankreich erwartete und wie die Verbrechen in der Nachkriegszeit aufgearbeitet wurden. Die Ausstellung wurde von der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin erstellt. Auftraggeber sind die Länder Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Saarland sowie die Arbeitsgemeinschaft der badischen Städte und des Bezirksverbands Pfalz zu Unterhalt und Pflege des Deportiertenfriedhofs in Gurs.

Die Landeszentrale für politische Bildung vertritt das Saarland in diesem Kuratorium und ist daher für die Aktivitäten und Angebote zur Erinnerung an das Lager Gurs zuständig. Die Landeszentrale stellte allen saarländischen Landkreisen sowie dem Regionalverband jeweils eine Ausführung der Ausstellung im Format DIN A1 kostenlos und dauerhaft zu Verfügung. Schulen, Vereine und Initiativen können bei den Pressestellen sowie bei der VHS Saarbrücken die Ausstellung kostenlos entleihen.

 

Die schulischen Lernmaterialien „Papiere“ zu den Menschen im Lager Gurs: kostenlos zum Download

Deportationslisten, Entlassungsscheine, falsche Pässe, ein Brief aus dem Lager Gurs, Briefe an den Kommandanten des Lagers, ein Visum, eine Fahrkarte oder Eidesstattliche Versicherungen, mit denen Internierte ihr Schicksal als Verfolgte des Nationalsozialismus belegen mussten – das sind historische Dokumente, die an die im Lager Gurs internierten Saarländer*innen und ihre Schicksale erinnern. Meist waren es einfache Papierbögen, bisweilen war es nur ein kleiner Zettel, der über Leben und Tod entschied.

Unter dem Titel „Papiere“ hat die Landeszentrale für politische Bildung des Saarlandes schulische Lernmaterialien zu neun Kategorien von historischen Dokumenten zusammengestellt. Sie stehen als Download zur Verfügung. Die Lernmaterialien sind mit Links zu weiterführenden Internetseite sowie mit nützlichen Hinweisen und Fragen versehen. Die Arbeitsblätter stehen in direktem Bezug zur Interniertendatenbank, die alle saarländischen Internierten des Lagers Gurs erfasst.

Auf diese Weise haben Schüler*innen sowie Vertreter*innen aller Generationen aus der Zivilgesellschaft die Möglichkeit, sich eigenständig, mit zeitgemäßen Mitteln und Methoden und unter Berücksichtigung aktueller Bezüge mit dem Thema „Gurs“ auf regionaler und lokaler Ebene auseinanderzusetzen. Denn die Geschichte des Nationalsozialismus an der Saar ist ohne die Geschichte des Lagers Gurs nicht vollständig.

 

Landeszentrale für politische Bildung des Saarlandes

 

Mehr Informationen unter: https://gurs.saarland

 

Tipp: Die App „Orte der Erinnerung(OdE): NS-Erinnerungsorte in Saarbrücken. Auf zehn Stationen zwischen dem Hauptbahnhof Saarbrücken und dem Schlossplatz mit dem Platz des Unsichtbaren Mahnmals, dem Historischen Museum Saar und der Dauerausstellung zur NS-Zeit an der Saar „Zehn statt tausend Jahre“ mit der historischen Gestapo-Zelle erfahren die Nutzenden etwas über die Bedeutung von Orten in der Saarbrücker Innenstadt in der NS-Zeit zwischen Verfolgung und Widerstand.

 

Diese App ist im Playstore und im AppStore erhältlich. Ansonsten klicken Sie auf diesen Link:  https://orte-der-erinnerung.entdeckerwelten.eu/

 

Weitere Informationen über Erinnerungsorte im Saarland und der Großregion sind auf www.erinnerungsarbeit-saarland.de/aktivitaeten-angebote/erinnerungsorte/ abzurufen.

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